Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 182/9 - September 2026

 

 

Das Bekenntnis des Petrus - Otto Hammer

"Ist es recht von dir, zornig zu sein?" - Karin Klingbeil

Nachruf auf Renate Beilharz - Ingrid Turner

Mein Glaube - Ignaz von Wessenberg

Ignaz von Wessenberg - Karin Klingbeil

Das Bekenntnis des Petrus

»Ihr aber, wer sagt ihr, dass ich sei?«

»Und Jesus ging fort mit seinen Jüngern in die Dörfer bei Cäsarea Philippi. Und auf dem Wege fragte er seine Jünger und sprach zu ihnen: Wer sagen die Leute, dass ich sei? Sie antworte­ten ihm: Einige sagen, du seist Johannes der Täufer; einige sagen, du seist Elia; andere, du seist einer der Propheten. Und er fragte sie: Ihr aber, wer sagt ihr, dass ich sei? Da antwortete Petrus und sprach zu ihm: Du bist der Christus! Und er gebot ihnen, dass sie niemandem von ihm sagen sollten.« (Markus 8,27-30)

1. Die Frage an die Damaligen

Dieser Abschnitt aus dem Markus-Evangelium ist einer der großen Evangelientexte. Wir finden ihn in allen drei synoptischen Evangelien. Die einzelnen Texte weisen zwar Unterschiede auf. Die Fragen aber »Wer sagen die Leute, dass ich sei?« und »Ihr aber, wer sagt ihr, dass ich sei?« haben alle drei gemeinsam. Im Johannesevangelium lautet die Frage: »Wollt ihr von mir weggehen?«, und Petrus antwortet »Du hast Worte des ewigen Lebens, wir haben erkannt, dass du der Heilige Gottes bist«.

Jesus war mit seinen Jüngern über den Jordan gewandert, vom Land des Herodes Antipas hinüber in das Land seines Bruders, des Tetrarchen Philippus. Er wanderte den Jordan auf­wärts: zur Linken das nordgaliläische Bergland und zur Rechten die Golanhöhen. Sein Ziel war Caesarea Philippi, das Caesarea des Philippus. Philippus hatte die Stadt zu seiner Residenz ausgebaut, oben im Norden, dort wo der Jordan herkommt. Es ist die alte Stadt Paneas. Er hatte sie dem Kaiser zu Ehren Caesarea genannt, nach dem Vorbild seines Vaters, der der von ihm erbauten Stadt am Mittelmeer auch den Namen Caesarea gegeben hatte.

Wir erfahren aus dem Text nicht, warum Jesus über den Jordan in die Gegend von Caesa­rea Philippi gezogen war. Vielleicht wollte er der spannungsgeladenen Atmosphäre Galiläas entgehen und in dem vorwiegend griechisch besiedelten Nordjordangebiet, wo es kaum Juden und deshalb auch keine politischen und religiösen Eiferer gab, Ruhe finden und nachdenken.

Und dort, in dieser entspannten Atmosphäre im Lande des Philippus fragt Jesus seine Jün­ger, was sie glauben, dass er sei. Es ist eine Frage mit zwei Adressaten: der indirekte Adres­sat, das sind die Leute, die öffentliche Meinung; der direkte Adressat, das sind die Jünger selbst. Offen und direkt fragt Jesus sie: wer bin ich für euch, was bedeute ich euch?

Zuerst zur Frage »Wer sagen die Leute, dass ich sei?« Die Jünger sagen, was sie gehört haben, und natürlich steckt darin bereits eine Auswahl dessen, was sie für akzeptabel halten. Sie sagen: du wirst verglichen mit den Propheten, mit Elia und mit Johannes dem Täufer. Die Propheten, das sind die Bewahrer und Vorkämpfer der nationalen und religiösen Identität des Judentums. Die Propheten, das sind die Männer, die das Volk abgrenzen gegenüber den Nichtjuden. Sie drängen auf Einhaltung der Gesetze, sie kämpfen für religiöse und rituelle Reinheit. Sie verstehen sich als Boten Gottes, die sagen, was der Wille des Herrn ist, und was der Herr von seinem Volk fordert. Die Propheten sind es auch, die die Strafe verkünden für dasjenige Volk, das fremde Götter duldet oder ihnen gar mit Verehrung entgegenkommt. Aber es sind auch die Propheten, die das geschlagene Volk trösten auf Geheiß Jahwes. Bei Jesaja heißt es im 40. Kapitel: »Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und prediget ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat.« (Jes. 40,1-3)

Der Vergleich mit Jesaja verstärkt diese Einreihung Jesu unter die Propheten. Jesaja war am entschiedensten für die kultische Ausschließlichkeit Jahwes eingetreten. Jahwe oder Ba’al hieß für ihn die Frage, und wer Ba’al sagte, der musste sterben. Auf dem Karmel, in Muchraka, wird noch heute an ihn erinnert. Und noch etwas sagt der Vergleich mit Jesaja als Ausdruck der Naherwartung des Gottesreichs: Der Prophet Maleachi aus dem 5. Jhdt. v.Chr. hatte näm­lich geschrieben: »Siehe, ich will meinen Boten senden, der vor mir her den Weg bereiten soll. (....) spricht der HERR Zebaoth. .... Siehe, ich will euch senden den Propheten Elia, ehe der große und schreckliche Tag des Herrn kommt.« (Mal. 3,1.23)

Wer in Jesus den Propheten Elia sieht, der versteht ihn als Wegbereiter einer apokalyptisch anbrechenden Gottesherrschaft. Dass auch Johannes der Täufer hier mit einbezogen wird, ist nur konsequent: Der Täufer predigte das nahe Gottesreich und rief zur Vorbereitung auf dieses Reich auf.

Jesus sagt nichts zu diesen Vergleichen, er bestätigt sie nicht und er lehnt sie auch nicht ab. Er stellt jetzt die direkte Frage, die Bekenntnisfrage: »Ihr aber, wer sagt ihr, dass ich sei?« und Petrus antwortete für die Jünger: »Du bist der Christus.«

Petrus hat mit Sicherheit aramäisch gesprochen und nicht griechisch. Er hat also gesagt »Du bist der Messias«. Das ist zwar das gleiche Wort, das eine griechisch, das andere hebrä­isch, und beide Male bedeutet es: Retter, Erlöser, Befreier. Aber das Verständnis dahinter ist ein anderes.

Der Messias ist für einen Juden der Gesalbte Gottes, einer, der das Volk befreit und aus der Knechtschaft rettet, der es aus der Hand eines fremden Volkes erlöst. Der Christus im griechi­schen Sinn ist in erster Linie Erlöser für den Einzelmenschen und der Erlösungsbegriff bezieht sich stärker auf die Transzendenz, während sich nach jüdischem Verständnis die Rettung hier auf dieser Welt vollzieht.

Jesus hatte sich bei der Aufzählung der Volksmeinung zu seiner Person nicht geäußert, weder zustimmend noch ablehnend. Zur Aussage des Petrus aber, »Du bist der Christus«, schweigt er nicht. »Er gebot ihnen, dass sie niemandem von ihm sagen sollten«. Vielleicht bewog ihn die Befürchtung, verfolgt zu werden, von den Römern oder den Juden: Es gab in je­nen Jahren immer wieder Leute, die sich als Messias ausgaben und das Volk zum Widerstand gegen die römische Oberherrschaft aufwiegelten. Oder er war besorgt, falsche Erwartungen bei den Leuten zu wecken.

Die traditionelle Bibelauslegung der Kirchen deutet das Schweigegebot Jesu als Zustim­mung und spricht vom “Messiasgeheimnis”. Zwingend scheint mir diese Auslegung aber nicht zu sein. Vielleicht gebot Jesus seinen Jüngern zu schweigen, weil er sich nicht für den Messias hielt. Weil er sich weder als Erlöser für das Jenseits noch als Befreier des Volkes im Diesseits verstand. Weil er seine Berufung und seine ihm von Gott zugewiesene Aufgabe ganz anders sah.

2. Die Frage an uns Heutige

Nun haben wir den Text analysiert, wir haben versucht zu deuten, was damals geschehen ist und, soweit möglich, auch zu verstehen. Damit könnten wir eigentlich unsere Aufgabe als ge­löst ansehen. Doch so einfach sollten wir es uns nicht machen.

Die Frage Jesu »Was bedeute ich euch und wie steht ihr zu mir?« steht nämlich nach wie vor im Raum. Sie ist nie endgültig beantwortet worden, sondern immer nur vorläufig. Sie wurde immer nur für den Augenblick und für die jeweils vor der Frage stehenden Menschen beant­wortet. Und deshalb richtet sich die Frage unmittelbar an uns, die wir heute leben. Wir Heuti­gen sind gefragt: »Ihr aber, wer aber sagt ihr, dass ich sei?«.

Um dieses Thema ging es schon bei den Auseinandersetzungen in der Alten Kirche. Die daraus entstandenen Dogmen der Reichskonzilien im vierten und fünften Jahrhundert haben die damalige Christenheit über Jahrhunderte hinweg gespalten.

Auch Christoph Hoffmann sah sich vor eben diese Frage gestellt. Sie ist die Urfrage des Tempels geworden. In der Antwort auf diese Frage liegt auch heute noch der Grund des Tempels. »Grund« in zweifacher Weise: zum einen als Begründung der Tempelentstehung und zum zweiten als der Grund, der Boden, auf dem der Tempel erbaut wurde und heute noch steht.

Beginnen wir mit der Frage »Wer sagen die Leute, dass ich sei?«. Die Leute, das sind für uns die anderen, die Mehrheit, verkürzt und vereinfacht die beiden großen Kirchen, jeweils ver­standen als die offizielle Lehre der Amtskirchen.

Die Amtskirchen halten nach wie vor an den im 4. und 5. Jahrhundert zustandegekomme­nen Glaubenssätzen fest. Jesus ist für sie, wie in den Glaubensbekenntnissen festgelegt, der eingeborene Sohn Gottes. Er ist ungeschaffen und wesenseins mit dem Vater. Er ist wahrer Gott und wahrer Mensch, und an Weihnachten feiern die Kirchen die Inkarnation, die Fleisch­werdung Gottes. Sie feiern, dass Gott Mensch geworden ist, um das Menschengeschlecht aus der Verlorenheit zu retten, in die sie durch die Ursünde, den Ungehorsam Adams, gefallen ist. »Welt ging verloren, Christ ist geboren« heißt es in unserem meistgesungenen Weihnachts­lied.

Wir sehen natürlich, dass viele Menschen in der Kirche, und die meisten der aus den Kir­chen Ausgetretenen, das Glaubensbekenntnis nicht unbedingt wörtlich verstehen. Aber wir sehen auch, dass beispielsweise in der evangelischen Kirche ein starker Flügel mit rund 50% entschieden und uneingeschränkt auf den trinitarischen Aussagen der Glaubensbekenntnisse besteht.

Nun aber zur zweiten Frage Jesu an uns: »Ihr aber, wer sagt ihr, dass ich sei?«. »Wir«, das sind zunächst einmal »wir, die Tempelgemeinde«. Die Antwort fällt nicht leicht, weil der Tempel kein festgelegtes und endgültig formuliertes Glaubensbekenntnis hat. Denn was den Tempel von den konventionellen Kirchen unterscheidet, ist nicht primär, dass wir keine Taufe haben und kein Abendmahl feiern. Es ist auch nicht, dass wir kein Kruzifix in unserem Gottesdienst­raum aufstellen. Der primäre Unterschied ist, dass wir die von Luther und der lutherischen Reformation beibehaltenen Dogmen der Alten Kirche über das Wesen Jesu nicht akzeptieren. Was uns unterscheidet, ist unsere Antwort auf die Frage Jesu: »Ihr aber, wer sagt ihr, dass ich sei?«.

Beginnen wir mit Christoph Hoffmann. Schon in seinem 1849 erschienenen ersten Buch »Stimmen der Weissagung über Babel und das Volk Gottes« sagt er eindeutig: »Jesus von Nazareth war ein Prophet, mächtig von Taten und Worten, vor Gott und allem Volk« (S. 30), und dort sagt er auch, die alte Religion habe in der Lehre Jesu ihre vollkommene Gestalt erhalten »durch den Mund desjenigen, der nicht irren konnte, weil er selbst der Sohn des Va­ters war« (S. 30). Wir sehen, Christoph Hoffmann sah in Jesus »einen der Propheten« und den »Gottessohn«.

Das erscheint uns, nach dem ersten Anschein, ein Widerspruch, weil wir zu sehr in den Ka­tegorien der vorher erwähnten Dogmen denken. Hoffmann löst diesen Widerspruch auf: »Demnach ist unter Sohn Gottes nichts weniger als eine menschgewordene göttliche Person, sondern ein Mann aus dem Geschlechte Davids verstanden, der so mit dem Geist Gottes er­füllt ist, dass er(....) wie es in den Gedanken Gottes selbst liegt, (....) die ganze Menschheit durch diesen göttlichen Gedanken geistig umwandelt und so auch einen vollkommenen äußeren Zustand des Menschen herstellt« (Chr. Hoffmann, Das Dogma von der Dreieinigkeit und von der Gottheit Christi, in: Sendschreiben über den Tempel und die Sakramente, Stutt­gart, 1878, S. 52). Es ist gewissermaßen eine Annahme an Sohnes statt. Hoffmann bezieht sich für diesen Adoptionsvorgang auf das Alte Testament, wo Gott zu David spricht: »Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeuget, ins Licht gesetzt« (ebenda, S. 50), und auf das Neue Testament, wo vielfach jeder, der aus dem Geist geboren ist, ein Kind oder Sohn Gottes genannt wird (ebenda, S. 51).

Aus dieser Entdeckung heraus verneint Hoffmann die kirchliche Lehre von der Dreieinigkeit und der Gottheit Christi. Von daher entfallen logischerweise auch alle Sakramente. Christoph Hoffmann lehnt Taufe und Abendmahl nicht im Grundsatz ab. Er verweist darauf, dass sie kei­ne unmittelbare Heilswirkung haben, sondern reine Zeichen, reine Symbole, sind. Heil kommt nur aus dem Glauben an und der Arbeit für das Reich Gottes.

Die heutige Tempelgesellschaft und die heutigen Templer können sich nicht darauf berufen, dass Christoph Hoffmann schon alles gesagt habe. Wir Heutigen müssen unsere eigene Ant­wort finden. Wir müssen in unserer Sprache formulieren, was uns Jesus bedeutet. Wer auch immer sich an diese Formulierung heranwagt, muss wissen, dass es immer nur eine subjektive und vorläufige Antwort sein kann.

Jesus hat uns das Evangelium, die frohe Botschaft, gebracht. Er hat uns gelehrt, Gott als liebenden Vater zu sehen, für den wir, als seine Kinder, unendlich viel wert sind.

Jesus hat uns auch die Botschaft vom Reich Gottes gebracht. Es ist die Herrschaft der Güte und der Liebe. Gott will, dass diese Welt gut sei und durch Liebe und Güte bestimmt werde. Gott will, dass die Menschen sich auf dieses Reich zubewegen und nicht warten, bis es kom­me. Gott will, dass wir als Einzelne und als Gesellschaft nach Vervollkommnung und schritt­weiser Verbesserung streben. Jesus sagt: »Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit«.

Jesus hat uns auch den Weg gezeigt, der in diese Richtung, zu einer sittlich vollkommene­ren Welt führt. Es ist die Bereitschaft, nach dem Gebot der Liebe zu leben. Es ist das alte Ge­bot Gottes: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Jesus hat, speziell in der Berg­predigt, dieses Liebesgebot herausgehoben und auf den Punkt gebracht; so in der Aussage: selbst dein Feind ist dir als Nächster anempfohlen. Viele seiner Gleichnisse handeln davon: so auch das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter mit seiner Schlussfolgerung: jeder, der dich braucht, ist dein Nächster.

Wir sind uns bewusst, wir können dieses Liebesgebot nicht aus eigener Kraft realisieren. Es bedarf dazu des Glaubens an die Liebe Gottes. Die Liebe, die wir so im Glauben erfahren, be­fähigt uns, Liebe zu geben und den Weg der sittlichen Vervollkommnung zu gehen. Im Glau­ben an das Ziel, das uns Gott gesetzt hat, und im Entschluss, eben diesen Weg zu gehen, erfahren wir die Befreiung, die uns Kraft gibt. Wir werden frei von der Angst, die uns hemmt, und frei von der Last der Schuld, die uns niederdrückt. Wir finden die Versöhnung mit Gott und der Welt. Der Glaube gibt uns Kraft, in diese Welt hineinzuwirken.

Aber Liebe und Güte sind an eine Gemeinschaft gebunden. Das Reich Gottes ist zwar latent immer vorhanden, aber es wird nur dort Realität, wo Gemeinschaft ist. Liebe und Güte üben kann man nicht für sich allein. Sie sind an das Zusammenleben von Menschen gebunden, die wechselseitig geben und nehmen. Im Tun finden wir zum Nächsten. Im Geben empfangen wir das Glück der Erfüllung. In der Gemeinsamkeit des Glaubens bauen wir am Tempel.

Aber woher nehmen wir diesen Glauben? Die Antwort klingt im Grunde selbstverständlich: von dorther, wo wir die Begegnung mit dem biblischen Jesus finden, aus der Bibel, direkt und indirekt. Direkt dort, wo wir die Bibel selber lesen und selber Jesu Aussagen über Gott finden. Indirekt dort, wo wir in einer Gemeinschaft in den verinnerlichten und im Handeln sichtbaren Glauben eingebunden sind.

Es ist wichtig zu erkennen: der bewusste und versöhnende Glaube kommt aus dem Hören auf das Wort Jesu vom liebenden Vater und seinem Gebot. Der rechte Glaube führt zum rechten Tun. Ein Glaube, der nicht zur Tat führt, ist nichts wert, wird in der Tempelgesellschaft häufig zitiert. Aber wir sollten andererseits auch nicht übersehen, dass ein Handeln, das nicht aus dem Glauben kommt, nur selten und nur zufällig zum guten Ziel führt. Vor dem Glauben aber steht das Wort, das Hören des Worts. Jesus sagte am Ende seiner Bergpredigt: »Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet.« (Mat. 7,24-25)

Dieser Versuch einer Antwort auf die Frage »Ihr aber, wer sagt ihr, dass ich sei?« lässt sich so zusammenfassen: Jesus hat uns die Botschaft vom Vatergott gebracht, der seine Ge­schöpfe bedingungslos liebt und der den Menschen zu einem von Liebe geprägten Zusam­menleben in immer größeren Einheiten befähigt hat. Mit dem Bild vom liebenden Vatergott hat er das Bild vom »gerechten Gott« abgelöst, der jedem das zuteilt, was er verdient und was ihm zusteht: dem Sünder also die gerechte Strafe. Jesus hat uns auch den Weg aufgezeigt, im Sinne dieser göttlichen Bestimmung zu handeln und zu leben. Maßstab dieser Ethik ist sein Liebesgebot als erstes Prinzip. Er hat uns versprochen, dass, wer seine Worte akzeptiert und danach lebt, frei wird von der Lebensangst und dem Druck der aus unserer Unvollkommenheit resultierenden Schuld. Jesus ist für uns somit, ebenso wie seinerzeit für die frühe Gemeinde, der begnadete, von Gott gesandte Überbringer einer Botschaft, die uns hilft zu leben. Vor die­ser Sicht verblassen alle fremdbestimmten Spekulationen um die Wesenheit Jesu und den Charakter seiner Gottesbeziehung.

Diese Überlegungen zur Person Jesu gehen von den Gedanken und Schriften Christoph Hoffmanns aus. Es ist der Mühe wert, dass wir uns immer wieder mit seiner Bibelauslegung und seinem Verständnis der Lehre Jesu beschäftigen, um in richtiger Weise am Tempel zu bauen. Gott gebe uns den Glauben und die Kraft dazu.

Otto Hammer, Gottesdienst am 7. Juli 1996, gekürzt.

 

Mit diesem Beitrag wollen wir an unser langjähriges Mitglied im Ältestenkreis erinnern, das vor fünf Jahren verstorben ist.

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

"Ist es recht von dir, zornig zu sein?"

(Jona 4,4)

Die Geschichte von Jona, den Gott nach Ninive schickte, um deren Bevölkerung wegen ihrer Untaten das Gericht Gottes zu verkündigen, hat viele märchenhafte Züge: die Weigerung des Propheten und Flucht auf ein Schiff, das zur Strafe in einen Sturm gerät, der sich sofort be­ruhigt, als Jona als Sündenbock ins Meer geworfen wird, der große Fisch, der Jona verschlingt und in dessen Bauch er drei Tage zubringt, bevor er wieder ausgespuckt wird, die unerwartete Bußfertigkeit der Bewohner von Ninive, die Gott von seinem Vorhaben der Zerstörung der Stadt abbringt, und Jonas Zorn darüber.

Darauf sagt Gott zu Jona: Ist es recht von dir, zornig zu sein? und Jona bejaht.

Hat uns diese Geschichte heute noch etwas zu sagen?

Zum Hintergrund der Geschichte: auch wenn das Buch Jona erst im 3. Jahrhundert v. Chr. entstanden ist, spielt sie im 7. Jahrhundert v.Chr., zur Hochzeit des assyrischen Großreiches, dessen prächtiges Machtzentrum Ninive war. Die Vorstellung, dass ein Prophet aus dem klei­nen Vasallenstaat Israel dieser Hauptstadt als Strafe Gottes den Untergang vorhersagen soll, macht die Flucht des Propheten verständlich. Aber die Flucht auf dem Schiff misslingt und im Bauch des Fisches fleht Jona zu Gott, ihn zu erretten. Wieder an Land, führt Jona den Auftrag Gottes aus, verkündet Gottes Gericht und den Untergang der Stadt in 40 Tagen.

Das Unerwartete geschieht: die Bewohner und selbst der König tun Buße, rufen eine Fas­tenzeit aus und hoffen darauf, dass Gottes Zorn verfliegt. Nun kommt die Aussage des Jona-Buches: Gott ist barmherzig und wer sich seiner schlechten Taten bewusst wird und bereut, darf auf Gnade und Gottes Barmherzigkeit hoffen. Aber was tut Jona? Er wird zornig und wirft Gott vor, dass er langmütig und barmherzig sei und dann von gerechtfertigten Strafen absehe.

Das ist die zweite Botschaft des Jona-Buches: wir Menschen gönnen anderen die Barmher­zigkeit (Gottes) nicht. Obwohl Jona selber Gottes Barmherzigkeit erfahren hat, als er aus dem Bauch des Fisches gerettet wurde, er den Auftrag ausführte und sich alles zum Guten wende­te, ärgert er sich darüber, dass Gott auch anderen gegenüber barmherzig und nicht nachtra­gend ist.

Wie viele Menschen machen sich - und anderen - das Leben schwer, weil sie nicht verzei­hen können und nachtragend sind, für sich selber aber diese Barmherzigkeit wünschen. Ver­suchen wir einmal, auch anderen Gottes Barmherzigkeit und große Güte zu gönnen - und am besten uns auch ein wenig so zu verhalten!

Karin Klingbeil

Nachruf auf Renate Beilharz

Renate Beilharz war ein ungemein aktives Mitglied unserer Schwestergemeinde in Australien, der TSA. Zunächst war sie Mitglied der Bastel- und der Jugendgruppe, wurde 1978 konfirmiert, begann Sonntagsschulunterricht zu geben und Jugendfreizeiten zu leiten. Dem Templer-Chor trat sie 1984 bei. 1988 wurde sie Älteste der TSA und übernahm 1992 den Konfirmationsunter­richt, den sie zu einem Programm ausarbeitete, das sie immer weiter entwickelte - bis 2025. Ebenfalls 1988 wurde sie in die Gebietsleitung gewählt und hatte dort die folgenden 35 Jahre einen Sitz inne - immer bestrebt, die richtigen Entscheidungen für die Gemeinschaft und ihre Mitglieder zu treffen. Ingrid Turner (Sydney) hat ihre Gedanken zu ihrem letzten Besuch in Mel­bourne in der Augustausgabe des Templer Talk niedergeschrieben:

Ein persönlicher Rückblick auf der Rückkehr nach Mel­bourne nach dem Tod von Renate Beilharz sowie auf die Stärke, Herzlichkeit und den Geist der Gemeinschaft der Temple Society. Der Text beleuchtet, wie wir Renates Ver­mächtnis ehren können, indem wir weiterhin füreinander da sind, andere willkommen heißen und das Wachstum unserer Gemeinschaft fördern.

Es gibt Momente, die uns daran erinnern, wer wir wirklich sind.

Die Rückkehr nach Melbourne im vergangenen Juli war für mich ein solcher Moment. Als Mark, Oliver und ich von Sydney anreisten, wussten wir, dass wir in eine Gemein­schaft kommen würden, die nach dem plötzlichen Verlust unserer geliebten Renate Beilharz tiefe Trauer empfand. Doch neben dieser Trauer gab es etwas ebenso Kraftvolles. Überall begegneten uns Herzlichkeit, Freundlichkeit und die stille Zuversicht von Menschen, denen das Wohlergehen der anderen wirklich am Herzen liegt. In eine andere Stadt zu reisen und sich sofort zu Hause zu fühlen, ist ein seltenes Geschenk. Es hat mir vor Augen geführt, wie kostbar unsere Gemein­schaft der Temple Society ist.

Renates Trauerfeier spiegelte dies auf wunderbare Weise wider. Mehr als 500 Menschen kamen - persönlich oder online - an einem Werktag zusammen; dies zeugte nicht nur davon, wie viele Leben sie berührt hatte, sondern auch von der Tiefe dieser Beziehungen. Ihre drei lebhaften Enkel, die fröhlich durch den Tag liefen - während sich ein weiteres Enkelkind ankün­digt -, hielten inmitten der Trauer auf gewisse Weise die Freude lebendig. Sie erinnerten uns daran, dass die Liebe weiter wächst, selbst wenn wir trauern.

Mark Herrmann gestaltete die Feier zu Renates Leben mit bemerkenswerter Klarheit, Zärt­lichkeit und Hoffnung. Renates eigene Gedanken, die sie angesichts ihres bevorstehenden To­des niedergeschrieben hatte, waren auf charakteristische Weise schlicht, zutiefst menschlich und behutsam tröstend. Sie spiegelten die Frau wider, die wir kannten: nachdenklich, voller Hoffnung und stets darauf bedacht, andere zu ermutigen, ihr Bestes zu geben und zu entfal­ten.

Für mich persönlich hatte dieser Besuch eine besondere Bedeutung. Renate war es, die mich seinerzeit eingeladen hatte, jedes Jahr einmal von Sydney nach Melbourne zu reisen, um dort einen Gottesdienst zu leiten. Sie war der Überzeugung, dass unsere beiden regionalen Zentren einander durch den Austausch von Ideen und Erfahrungen bereichert werden könn­ten. Vor der Gemeinde in Melbourne zu stehen, fühlte sich in diesem Jahr an, als würde ich ein Gespräch fortführen, das sie begonnen hatte.

Im Mittelpunkt meiner Ansprache stand das Gleichnis Jesu vom Senfkorn, veranschaulicht durch das Bild einer winzigen australischen Eukalyptusfrucht. Wälder beginnen nicht als Wäl­der; sie beginnen als kleine Samen, oft unbemerkt. Auf ganz ähnliche Weise wachsen Ge­meinschaften: durch alltägliche Gesten des Willkommens, der Neugier, des Mitgefühls und des Mutes. Viele, die nicht teilnehmen konnten, haben sich inzwischen nach dem Gottesdienst er­kundigt, und ich hoffe, dass seine schlichte Botschaft Ermutigung schenkt. Was wir wahrneh­men, das pflegen wir auch. Wenn wir das Gute immer wieder wahrnehmen, helfen wir ihm zu wachsen.

Vielleicht ehren wir auch Renate auf diese Art und Weise.

Nicht bloß, indem wir uns an sie erinnern, sondern indem wir die Arbeit fortführen, die ihr so sehr am Herzen lag. Indem wir Tony und ihre Familie unterstützen. Indem wir jüngere Stimmen ermutigen. Indem wir offen für neue Ideen bleiben und zugleich fest in jenen Werten verwurzelt sind, die die Temple Society von jeher geprägt haben: das Streben nach dem Reich Gottes auf Erden durch Mitgefühl, eine bewusste Lebensweise und echte Gemeinschaft.

Die Temple Society hat ihre größte Kraft nie dann entfaltet, wenn die bloße Selbsterhaltung an oberster Stelle stand. Sie ist immer dann aufgeblüht, wenn sie im Stillen Räume schuf, in denen Menschen Zugehörigkeit und Wachstum fanden, Fragen stellen und füreinander da sein konnten. Dies bleibt auch heute unsere Berufung.

Ich kehrte dankbar und voller Hoffnung nach Sydney zurück - in der Gewissheit, dass das, was uns verbindet, etwas zunehmend Rares ist. Mögen wir es wertschätzen, pflegen und - ganz im Sinne von Renate - gestärkt an diejenigen weitergeben, die nach uns kommen.

Ingrid Turner

Mein Glaube

Ich glaube, dass der die schöne Welt regiert,

ein weiser, nie begriffner Geist.

Ich glaube, dass Anbetung ihm gebührt,

doch ich weiß nicht, wie man ihn würdig preist.

 

Nicht glaub ich, dass der Dogmen blinder Glaube

dem Höchsten würdige Verehrung sei.

Er bildete ja das Geschöpf aus Staube

von Irrtum nicht und nicht von Fehlern frei.

 

Ich glaube nicht, dass vor dem Geist, der Welten

erschuf, des Talmud und des Alkoran

Bekenner weniger als Christen gelten;

verschieden zwar, doch alle beten an.

 

Ich glaub’ es nicht, wenn wir von Priestern hören,

der Christenglaube mache nur allein

uns selig, wenn die Finsterlinge lehren,

verdammt muss jeder Andersdenker sein.

 

Das hat der Weise, der einst seine Lehre

mit seinem Tod besiegelt, nie gelehrt;

das hat fürwahr - der Herrlichen zur Ehre -

kein Jünger je aus seinem Mund gehört.

 

Er lehrte Sanftmut, Demut, Duldung üben.

Verfolgung war der hohen Lehre fern.

Er lehrt’ ohn Unterschied die Menschen lieben,

verzieh den Schwachen, ja dem Feinde gern.

 

Ich glaube an der Geister Auferstehung,

dass, wenn dereinst das müde Auge bricht,

geläuterter wir dort uns wiedersehen.

Ich hoff’ und glaub’ es, doch - ich weiß es nicht.

 

Dort, glaube ich, wird sich die Sehnsucht stillen,

die hier das Herz oft foltert und verzehrt.

Die Zukunft, glaube ich, wird sich enthüllen

dem Auge dort, dem hier ein Schleier wehrt.

 

Ich glaube, dass für dieses Erdenleben -

glaub’s zuversichtlich trotz der dunklen Zunft -

zwei schöne Güter mit der Herr gegeben:

das eine: Herz, das andre heißt Vernunft.

 

Das zweite lässt mich prüfen und entscheiden,

was ich für Recht und Pflicht erkennen soll.

Laut schlägt das erste bei des Bruders Freuden,

nicht minder, wenn er leidet, warm und voll.

 

So will ich denn mit regem Eifer üben,

was ich für Recht, was ich für Pflicht erkannt,

will brüderlich die Menschen alle lieben

am Belt, am Hudson und am Gangesstrand.

 

Ihr Leid zu mildern und ihr Wohl zu mehren

sei jederzeit mein eifrigster Beruf.

Durch Taten glaub’ ich würdig zu verehren

den hohen Geist, der mich, wie sie, erschuf.

 

Und tret’ ich einstens aus des Grabes Tiefen

hin vor des Weltenmeisters Angesicht,

so wird er alle meine Taten prüfen,

doch meinen Glauben - nein, das glaub’ ich nicht.

 

Glaubensbekenntnis von Ignaz Heinrich Karl Freiherr von Wessenberg, 1799

* 4. November 1774 in Dresden, † 9. August 1860 in Konstanz,
Domherr ab 1793/1794 in Augsburg und Konstanz

Ignaz Heinrich Karl Freiherr von Wessenberg

Der Autor des geradezu modernen Glaubensbekenntnisses war ein aufgeklärter und liberaler römisch-katholischer Theologe. Er studierte in Augsburg, Dillingen, Würzburg und Wien Theo­logie. 1812 empfing er die Priesterweihe, aber schon 1802 ernannte ihn Carl Theodor von Dal­berg, der (letzte) Konstanzer Fürstbischof, zum Generalvikar des Bistums Konstanz. In der damaligen Umbruchszeit war dies eine schwierige Aufgabe, die Wessenberg aber vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten bot. Er entwickelte eigene theologische wie kirchenpolitische Initiati­ven und trieb weitreichende Reformen voran wie Straffung und Vertiefung des Priesterstudi­ums sowie vielfältige Weiterbildungsmöglichkeiten. Er reformierte die Liturgie hin zu einer stär­keren Beteiligung der Gläubigen, führte ein Diözesangesangbuch ein und vergrößerte die deutschen Anteile der Liturgie. Außerdem förderte er die Ökumene durch den Ausgleich zwi­schen den Konfessionen. Diese Maßnahmen trafen in Rom auf wenig Gegenliebe - 1814 forderte der Papst die Entlassung des Generalvikars. Aber nach dem Tod von Dalberg wurde Wessenberg vom Domkapitel einstimmig zum Diözesanadministrator gewählt, was Papst Pius VII. nicht anerkannte. Obwohl Wessenberg wusste, dass er nicht auf der römischen Linie lag, traf ihn die Ablehnung hart.

Ignaz Heinrich Karl Freiherr von Wessenberg (Quelle: Wikimedia Commons)
Quelle: Wikimedia Commons

1822 wurde Wessenberg mit fast zwei Drittel der Stimmen von den badischen Dekanen zum Bischof des neuen Erzbistums Frei­burg gewählt - doch angesichts der drohenden Ablehnung durch Rom drängte ihn die badische Regierung zum Verzicht auf das Amt. So blieb Wessenberg bis zur Besetzung desselben 1827 Bistumsverweser. Er war eine der einflussreichsten Persönlichkei­ten der jungen Diözese Freiburg, aber ohne offizielle Funktion zog er sich von der kirchlichen Arbeit zurück und lebte als Privatmann in Konstanz, wo ihm 1832 die Ehrenbürgerrechte verliehen wur­den. Die von ihm gesetzten Akzente wirken teilweise bis heute nach. Er hat manches vorweggenommen, was erst nach dem Zwei­ten Vatikanischen Konzil richtig umsetzbar war.

Hervorzuheben ist Wessenbergs Freundschaft und Korrespon­denz mit dem evangelischen Dichter und Theologen Johann Peter Hebel, der wie er Mitglied der badischen Ständeversammlung war.

Wessenberg verfasste insgesamt rund 470 Publikationen und war Mitarbeiter der Freymüthigen Blätter über Theologie und Kir­chenthum. Seine umfangreiche Privatbibliothek von über 20.000 Bänden vererbte er der Stadt Konstanz, die sie pflegte und erweiterte. Zudem stiftete er testamentarisch die Wessen­berganstalt, die den Grundstein für die heutige soziale Kinder- und Jugendhilfe in der Region bildete.

Karin Klingbeil

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