Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 182/7+8 - Juli/August 2026

 

 

Happy Birthday, Tempelgesellschaft - Herta Uhlherr

Der Turmbau zu Babel - Jörg Klingbeil

Freiheit und Rücksichtnahme - Dr. Brigitte Hoffmann

Worte der Ermutigung - Michael Licenblat

„Was sollen wir tun?“ - Paul Tillich

Ein Besuch in Jaffa und Sarona im Kriegsjahr 1916 - Birgit Arnold

Happy Birthday, Tempelgesellschaft

Im Juni feiern die Templer den Gründungstag - den Tag, an dem die Vorfahren vieler unserer Familien im Jahr 1861 in Deutschland die Gründungsurkunde unterzeichneten. Trotz ableh­nender und gehässiger Opposition standen sie zu ihren Überzeugungen und Werten und tra­fen Entscheidungen, die ihr Leben grundlegend veränderten.

In den 165 Jahren seither hat die Tempelgesellschaft Höhen und Tiefen erlebt - große Erfol­ge ebenso wie verheerende Verluste. Dennoch bestehen wir bis heute und konzentrieren uns erneut darauf, unsere Grundlagen zu stärken, damit die TS-Gemeinschaft auch in Zukunft gedeihen kann - in einer Zeit, in der nahezu alles im Wandel und von Unsicherheit geprägt ist.

Gerade heute sind gelebte Beispiele von Integrität, dem Streben danach, unser Bestes zu geben, einander zu unterstützen und gemeinsam für das Gemeinwohl zu wirken - also dazu beizutragen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen - wichtige und wertvolle Leuchtfeuer der Hoffnung.

Ein Templer zu sein und nach dem höchsten Wohl des Einzelnen und der Menschheit zu streben, ist nichts für Schwache. Gleichzeitig müssen wir anerkennen, dass wir alle Zeiten erleben, in denen wir krank, überlastet oder völlig erschöpft sind und daher nichts „Nützliches“ leisten können.

Dann müssen wir einfach innehalten. Sich weiter zu quälen, bis man zusammenbricht, hilft niemandem. Nehmen wir jede Hilfe an, die verfügbar ist. „Bittet, so wird euch gegeben“ - viel­leicht allerdings nicht immer in der Form, die wir erwarten.

So kann beispielsweise ein erzwungener Krankenhausaufenthalt mit anschließender Gene­sungszeit der einzige Raum sein, in dem wir uns erlauben, uns der inneren Arbeit zuzuwen­den, was wir möglicherweise lange vermieden haben, weil es uns zu herausfordernd oder beängstigend erschien.

Doch genau diese Arbeit ist wesentlich, um zu dem bewussteren, mitfühlenderen und wei­seren Menschen zu werden, der wir sein möchten.

Mit etwa 50 Jahren war bei mir eine Gehirnoperation notwendig, damit meine charmante, brillante Fassade und mein bedürftiges Ego Platz machten für meine innere Entwicklung hin zu mehr Verständnis und Reife. Ich begann, meine Einstellungen und Erwartungen an das Leben neu zu bewerten und meine spirituelle Praxis zu vertiefen.

Diesen Prozess des inneren Wachstums kann ich empfehlen (die Gehirnoperation aller­dings nicht).

Templer sagen, dass sie unabhängiges Denken schätzen. Deshalb tun wir gut daran, zu un­tersuchen, welche Einflüsse die Grundlage unserer heute tief verankerten Überzeugungen, Vorurteile und Glaubenssätze gebildet haben. Wer hat sie uns vermittelt? Wann und wo geschah das? Sind sie heute noch relevant und hilfreich?

Manches stammt aus wohlmeinenden Familien, die Traditionen weitergaben, weil man es eben so machte. Heute kommen Einflüsse oft von sogenannten Influencern - doch worauf gründen diese eigentlich ihre Behauptungen und Ratschläge?

Oder stammen unsere Überzeugungen aus religiösen oder politischen Institutionen, die ihre Anhänger zur Anpassung und zum Gehorsam erziehen - manchmal, um den Reichtum und die Macht ihrer Führungspersonen zu vergrößern?

Sich der Glaubenssätze bewusst zu werden, die unser Leben bestimmen, und sie kritisch zu hinterfragen, kann herausfordernd oder sogar schockierend sein. Dennoch ist es notwendig, um authentischer zu werden, weiser zu handeln und sich von den Begrenzungen zu befreien, die andere im Laufe der Zeit in unserem Unterbewusstsein verankert haben.

Ruhe und Reflexion können uns helfen, mit verwandelten Einstellungen und erweiterten Einsichten wieder zu Kräften zu kommen. So fühlen wir uns vollständiger, lebendiger und besser in der Lage, nach unserem höchsten menschlichen Potenzial zu streben und unseren Beitrag dazu zu leisten, die Welt zu einem besseren Ort zu machen - mag er auch noch so klein erscheinen.

Zum Beispiel öfter zu lächeln - das hebt die Stimmung vieler Menschen. Oder zu akzeptie­ren, dass andere andere Sichtweisen haben. Wir alle sind einzigartige Individuen.

Warum gibt es so viel Intoleranz gegenüber unterschiedlichen Meinungen? Heute erleben wir eine Flut von lautstark erzeugter Empörung, die Spaltung und Hass fördert und oft zynisch inszeniert wird, um Milliardären noch mehr Geld zu verschaffen. Wir müssen uns davon nicht vereinnahmen lassen.

Wir können uns bewusst entscheiden, das Handy für eine Weile beiseitezulegen und Raum für Schönheit zu schaffen - sie ist überall, wenn wir mit offenen Augen und offenem Geist durchs Leben gehen. Raum für Musik, die uns berührt. Für stille Momente des Staunens und der Freude, in denen wir eine tiefe Verbundenheit mit allem, was ist, spüren. Für Erfahrungen, die uns aufrichten und neue Kraft schenken.

Wir können Begegnungen mit der Natur und mit unseren Mitmenschen üben - ohne Erwar­tungen und ohne Urteil. Wenn wir akzeptieren, nicht auf alles eine Antwort zu haben, öffnen wir uns für Möglichkeiten, die wir sonst vielleicht übersehen würden.

Einige Neurowissenschaftler sprechen heute davon, das Bewusstsein über die begrenzte und vorhersehbare materielle Welt hinaus zu erweitern und sich dem Quantenfeld unendlicher Möglichkeiten zuzuwenden.

Vor kurzem hörte ich Professor Brian Cox über den Platz des Menschen im unvorstellbar großen Kosmos sprechen. Derzeit gibt es noch zwei interstellare Raumsonden, die weiterhin mit der Erde kommunizieren. Noch immer wissen wir nicht, ob wir die einzige bewusste Le­bensform auf dem einzigen grünen Planeten im unendlichen Universum sind.

Was für eine Verantwortung!

Auch die Ältesten der Tempelgesellschaft haben im Laufe der Jahre immer wieder von un­serer Verantwortung vor Gott gesprochen - einem Namen, den viele noch immer für jene ge­heimnisvolle schöpferische Kraft verwenden, die alles ins Dasein bringt.

Ich halte es für ein großes Privileg und einen Segen, am Leben zu sein. Nach Jahrhunder­ten voller „Du sollst nicht ...“ lehrte Jesus von Nazareth diejenigen, die hören wollten:

Liebt und schätzt die Menschen um euch herum. Arbeitet - und spielt - gemeinsam für den Frieden, zum Wohl der Menschheit, der Natur und unserer kostbaren Erde, ja der gesamten Schöpfung.

Ich denke, er wird mir diese freie Wiedergabe verzeihen. Jeder von uns kann seinen Teil da­zu beitragen, dass dies Wirklichkeit wird.

Herta Uhlherr in der Juni-Ausgabe 2026 des Templer Talk

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

Der Turmbau zu Babel

(Genesis 11,1-9)

Die alte Sage vom Turmbau zu Babel beginnt damit, dass die Menschheit damals zusammen­lebte und eine gemeinsame Sprache hatte. Dies steht im Gegensatz zu der Erzählung im vorangehenden Kapitel, in dem die große Verbreitung von Noahs zahlreichen Nachkommen nach Sprachen, Völkern und Siedlungsgebieten beschrieben wird. Offenbar hielten die Verfas­ser eine Erklärung für erforderlich, wie es in der Frühgeschichte zu der Vielfalt von Völkern und Sprachen gekommen war. Zugleich galt es, den Wunsch nach einer Einheit von Sprache und Volk, die im Bau einer Stadt und eines hohen Turmes zum Ausdruck kommen sollte, als Ver­stoß gegen die gottgewollte Ordnung zu diskreditieren.

So wird der Bau eines „bis zum Himmel“ reichenden Turmes als menschlicher Größenwahn und Blasphemie dargestellt, weil die Menschen dadurch bis in Gott zugewiesene Sphären vorstoßen wollten. Auch ihre Absicht, sich dadurch „einen (großen) Namen zu machen“, ver­stieß gegen die Rollenverteilung, weil dies bis dahin Sache Gottes war (siehe die Namens­gebung für Abraham, Genesis 12,2).

Nicht ohne Ironie wird weiter berichtet, wie Gott vom Himmel herabkam, um die Bautätigkeit der Menschen aus der Nähe zu betrachten. Was er sieht, gefällt ihm nicht. Er sieht in der Einigkeit der Menschheit und ihrer gemeinsamen Sprache eine Bedrohung der von ihm gewoll­ten Vielfalt. Deshalb beschließt Gott, ihre Sprache zu verwirren, so dass keiner mehr den an­deren versteht, und die Menschen über die ganze Erde zu zerstreuen. So geschieht es auch. Das Wort „Babel“ wird zum Inbegriff einer sprichwörtlichen (Sprach-)Verwirrung; der Turmbau wird eingestellt.

Die mythologische Erzählung vom Turmbau zu Babel dürfte im Umfeld des babylonischen Exils entstanden sein. Daher dürfte darin auch eine Kritik an der Einheit von Volk und Sprache stecken, wie sie die babylonische Weltmacht in ihrem Vielvölkerreich anstrebte. Dagegen zielt Genesis 11 auf eine Abgrenzung des Judentums gegenüber fremden Religionen und Kulten ab. Das Bild vom Leben im Exil wird allerdings deutlich zu negativ gezeichnet. Die Juden konnten dort durchaus ihre religiöse Identität bewahren und Führungspositionen erreichen. Nicht zuletzt wurden sie von ihren Propheten sogar aufgefordert, sich dort gut zu integrieren (vgl. Jeremia 29, 4-9). Gleichwohl wurde Babylon bzw. Babel in der westlichen Kulturge­schichte - auch bei Christoph Hoffmann und den frühen Templern - zum Sinnbild für Hochmut und Niedergang („Sündenbabel“), nicht zuletzt aufgrund negativer biblischer Berichte wie die­sem. Das sollte uns aber nicht davon abhalten, fremde Sprachen und Kulturen kennenzuler­nen und Menschen aus anderen Kulturkreisen unvoreingenommen zu begegnen.

Jörg Klingbeil

Freiheit und Rücksichtnahme

1. Korinther 10,23-31

Es geht heute um eine Stelle aus dem 1. Korintherbrief, der sich mit dem Leben in der Ge­meinde befasst und mit den Problemen, die dort aufgetaucht sind. Die Probleme selbst schei­nen uns nicht zu betreffen, aber wenn wir nicht nur die konkreten Ratschläge betrachten, die Paulus gibt, sondern den Geist, aus dem sie hervorgehen, dann, denke ich, hat uns dieser Text sehr wohl etwas zu sagen.

Ich lese zunächst den Text, Kapitel 10,23-32. Es geht um eine ganz konkrete Frage, mit der die jungen Christen laufend konfrontiert waren: Götzenopfer, die den heidnischen Göttern dargebrachten Tieropfer, waren ein fester Bestandteil des antiken Lebens. Ein kleiner Teil der geopferten Tiere, meist nur bestimmte Organe, wurde für die Götter verbrannt, der große Rest z.T. von den Opfernden gegessen, und offensichtlich ein Teil auf dem Markt verkauft.

Im vorigen Abschnitt hat Paulus erklärt, dass die Gläubigen nicht an Opfer und Opfermahl für die heidnischen Götter teilnehmen könnten, weil das Gemeinschaft mit und Dienst an den Göttern bedeute, an den heidnischen Göttern, die er als böse Dämonen sah, und ein solcher Dienst war nicht mit dem Dienst an dem alleinigen Gott zu vereinbaren.

Und dann folgt der Rat: „Alles, was auf dem Markt verkauft wird, das esst, und forscht nicht nach, damit ihr das Gewissen nicht beschwert.“ Ist das ein Rat nach Art des Sprichworts „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“? Deutlicher: eigentlich ist es ja unrecht, aber wenn ihr das nicht wisst, kann euch keiner - auch Gott nicht? - einen Vorwurf machen, also fragt am besten gar nicht nach! Etwa wie ein Politiker, der ahnt, dass eine Spende aus unrechtmäßiger Quelle stammt, und nicht nachfragt, um notfalls beschwören zu können, er habe von nichts gewusst?

Das würde kaum zu dem kompromisslosen Zeugen und Verkünder Paulus passen. Und gleich der nächste Satz zeigt, dass es so nicht gemeint ist. „Denn die Erde ist des Herrn und was darinnen ist.“ Alles, was die Erde uns schenkt, ist Gottes Gabe. Wir dürfen es genießen und dankbar dafür sein - das gilt sogar für Fleisch von einem heidnischen Opferritual. Jesus hat genauso geurteilt. Nicht das, was in den Mund eingeht, macht den Menschen unrein, sondern das, was aus dem Munde herauskommt, die bösen Worte. Das „forscht nicht nach, damit ihr das Gewissen nicht belastet“ ist nicht eine Hintertür zu dem Ziel, das Verbotene ohne Gewissensbisse tun zu können. Es ist ein Rat für diejenigen, die sich ihrer Freiheit noch nicht sicher sind: Wenn ihr euch nicht traut, Opferfleisch zu essen, dann fragt einfach nicht nach.

Trotzdem macht Paulus eine Einschränkung, und die scheint mir wichtig, auch für uns: „Alles ist erlaubt, aber nicht alles führt zum Guten“, und nachher konkret: „Wenn euch einer sagt ‚das ist Opferfleisch‘, so esst nicht davon um dessentwillen, der es euch gesagt hat.“

Wenn ein anderer - gemeint ist ein anderer Gläubiger - extra darauf hinweist, dann kann das eigentlich nur den Grund haben, dass dieser andere den Mitbruder davon abhalten will, etwas Unrechtes - bzw. was er dafür hält - zu tun. Und dann soll man dem nachgeben.

Ich nehme an, dass die meisten von uns spontan anders reagieren würden. Wir würden den anderen belehren und zu unserer besseren Einsicht zu bekehren suchen. Von dieser Möglich­keit spricht Paulus nicht. Das kann kaum heißen, dass er sie ausschließen will - schließlich tut er selbst mit seinem Brief ja genau das: er sucht die Gläubigen von Korinth zu einer besseren Einsicht zu bringen.

Die Auslassung kann einfach den Grund haben, dass diese Lehrbriefe, ähnlich wie die Gleichnisse, auf einen bestimmten Punkt hinzielen und, um diesen ganz deutlich zu machen, Differenzierungen, Einschränkungen, eigentlich notwendige Ergänzungen weglassen.

Deutlich wird das gleich am Beginn unserer Textstelle: „Alles ist erlaubt“ - das klingt wie eine Fanfare, und das soll es auch: es soll den Gläubigen eine Vorstellung von dem geben, was Paulus an anderer Stelle „die herrliche Freiheit der Kinder Gottes“ nennt: wenn ihr aus dem Glauben, aus der Liebe lebt, dann werden alle Buchstaben-Vorschriften für euch bedeutungs­los: die des jüdischen Gesetzes ebenso wie eventuelle neue Regeln, mit denen ihr euch von den Heiden abzugrenzen sucht: vor Gott ist das alles ohne Bedeutung. Trotzdem ist das „Alles ist erlaubt“ nicht wörtlich zu nehmen. Mord und Totschlag sind damit nicht gedeckt und Lieb­losigkeit auch nicht.

Ich glaube aber, dass es einen anderen Grund hat, wenn Paulus hier auf die Möglichkeit des Belehrens gar nicht eingeht. Er war ein guter Menschenkenner. Er wusste wohl, dass es durchaus zweierlei sein kann, eine neue Lehre mit dem Verstand anzuerkennen und das dann auch mit dem Gefühl nachzuvollziehen. Nur ein Beispiel: es gibt Berichte, dass manche Men­schen, die streng katholisch erzogen wurden, auch wenn sie sich von diesem Glauben gelöst haben, noch lange Schuldgefühle haben, wenn sie z.B. nicht zur Beichte oder zur Messe ge­hen.

Solche Menschen muss es auch in der Gemeinde von Korinth gegeben haben. Sie hatten von Kindheit an gelernt, im Opfer einen magischen Vorgang und im Fleisch von Opfertieren etwas zu sehen, was sie auf magische Weise mit den Göttern verband. Sie hatten sich aus Überzeugung von dem alten Glauben losgesagt und sich der neuen Lehre zugewandt. Aber ihr Gefühl, ihr Unterbewusstsein, hatte diesen Schritt noch nicht in allen Aspekten mitvollzogen: sie sahen immer noch im Opferfleisch etwas Magisches und deshalb jetzt etwas Verbotenes. Ihnen gilt der Rat des Paulus: Forscht nicht nach, damit ihr das Gewissen nicht belastet.

Und wenn Paulus zugleich noch den Rat gibt: Wenn einer euch abmahnt, dann gebt nach, dann geht es um die Rücksicht auf das Gewissen dieser Schwächeren: protzt nicht vor ihnen mit eurer neuen Freiheit - versucht auch nicht - oder nicht immer, wie ich vorhin gezeigt habe - , sie zu überzeugen, das nützt - oft - nichts, sie brauchen einfach Zeit, um sich umzustellen. Nehmt Rücksicht, habt Geduld.

Das scheint mir ein sehr menschlicher und zugleich ein sehr christlicher Ratschlag zu sein: habt Geduld mit den Schwächeren. Was geht er uns an? Mit den Problemen von Opferfleisch brauchen wir uns nicht mehr zu befassen. Aber es gibt viele Situationen, wo dieser Rat auch für uns wichtig sein kann.

Ich möchte eine herausgreifen, die uns, mehr oder weniger intensiv, immer wieder begeg­net: die Notwendigkeit oder die Versuchung, dem anderen eine unangenehme Wahrheit zu sagen. Die Versuchung: im Streit, oder wenn sich über lange Zeit Groll oder Gereiztheit angehäuft haben: dann will man endlich einmal alles loswerden, dem anderen zeigen, was er alles falsch gemacht hat (nur er?). Und es führt meistens zu gar nichts, nur zu neuem Zorn. Die Notwendigkeit: man glaubt, dass der andere etwas falsch macht, und dass man es ihm deutlich sagen muss, damit er sich ändert. Und auch das führt meist zu nichts, weil der andere diese Wahrheit, unsere Wahrheit, nicht akzeptiert. Max Frisch sagt einmal - dem Sinne nach, er drückt es differenzierter aus: es genügt nicht, die Wahrheit zu sagen, man muss sie so sagen, dass der andere sie annehmen kann. Und ich denke, das entspricht dem, worum es Paulus hier geht: es genügt nicht, sich zu fragen, ob das, was man tut, richtig ist; zur Liebe gehört, dass man sich fragt, was es für einen anderen bedeutet.

Das kann heißen, dass es Wahrheiten gibt - oder Teilwahrheiten -, die man nicht ausspre­chen darf. Wenn ich zu einem andern sage: „Du hast dich gestern lieblos verhalten“ und ihm erkläre, warum, kann es sein, dass er sich das überlegt und ein nächstes Mal rücksichtsvoller ist. Wenn ich ihm aber sage: „Du bist unfähig, dich in einen andern hineinzudenken“, wird er mir in 90% der Fälle nicht glauben und nur mich für anmaßend halten. Wenn er mir aber glaubt, habe ich ihn zutiefst verletzt, im wörtlichen Sinn: nicht ihn beleidigt, sondern ihm eine tiefe seelische Wunde zugefügt. Selbst wenn es wahr ist - und wie kann ich wissen, ob es wirklich, auch für die Zukunft wahr ist? -; diese Wahrheit ist unwichtig gegenüber der Tatsache, dass ich ihm den Kern des Menschseins abgesprochen habe: die Fähigkeit zur Veränderung. Wir sagen: Gott nimmt uns an - und das heißt, dass er uns, zumindest in unserem Verhältnis zu ihm, die Möglichkeit gibt, immer wieder neu zu beginnen. In meinem Beispiel habe ich dem andern dieses Annehmen verweigert.

Mir fallen manche modernen Theaterstücke ein, in denen sich die Leute, meist Ehepaare, in sadistischer Wollust die Fetzen von der Seele reißen und immer mehr unangenehme Wahr­heiten - oder Übertreibungen - zutage fördern. Zurück bleibt ein Scherbenhaufen der Verzweif­lung.

Im Theater kann das legitim sein, weil es unangenehme Wahrheiten, die wir - mit schlechten und guten Gründen - lieber unter Verschluss halten, bewusst machen will - und weil das Theater sich um den Fortgang nach der Schlussszene nicht zu kümmern braucht. Im Leben ist es fast immer kontraproduktiv.

Allerdings: es kann auch Situationen geben, wo die bittere Wahrheit, selbst die zornig herausgeschriene, befreiend wirkt. Auch das gehört zur „Freiheit der Kinder Gottes“: dass wir entscheiden müssen, entscheiden können, entscheiden dürfen, wann wir dem andern eine Wahrheit zumuten wollen und wann nicht; es gehört aber auch dazu, dass wir darauf vertrauen dürfen, dass wir angenommen sind, auch wenn sich unsere Entscheidungen als falsch erwei­sen.

Zurück zu unserem Text: er enthält noch einen Aspekt, der mir wichtig ist.

„Wenn euch einer von den Ungläubigen einlädt, und ihr wollt hingehen, so esst alles, was euch vorgesetzt wird.“ Das sagt uns zunächst etwas ganz Einfaches: es gab Kontakte über die Gemeinde hinaus, offenbar ganz viele, wenn Paulus auf ein Problem, das sich nur dabei stel­len kann, extra eingeht; und er hält das für richtig, jedenfalls nicht für falsch.

Die jungen christlichen Gemeinden pflegten zwar einen engen Zusammenhalt, aber es wa­ren doch offene Gemeinden. Nun könnte man zwar sagen, eine neue Religionsgemeinschaft, die wachsen, ihre Botschaft ausbreiten will, muss Außenkontakte pflegen. Aber selbstver­ständlich ist das nicht. Viele Sekten heute verfahren umgekehrt. Die Mitglieder werden nach Möglichkeit nach außen isoliert, die Werbung wird speziell dafür ausgebildeten Beauftragten vorbehalten. Damit soll das Eindringen fremder Einflüsse verhindert werden.

Offenbar sahen die Apostel und ihre Helfer und Nachfolger ihre Aufgabe anders. Das wird auch aus den weiteren Anweisungen des Paulus deutlich. „...so esst alles, was euch vorge­setzt wird.“ Und „Erregt keinen Anstoß, weder bei den Juden noch bei den Griechen noch bei der Gemeinde Gottes.“ Wörtlich zu nehmen ist auch das nicht. Anpassung um jeden Preis war nicht Paulus‘ Sache, sonst wäre er nicht mehrmals im Gefängnis gesessen. Gemeint ist: erregt keinen unnötigen Anstoß. Die jungen Gemeinden sollten offen sein, nach außen wirken durch ihr Beispiel.

Das war ein Risiko. Gerade in der Gemeinde von Korinth gab es Parteiungen und heftigen Streit um die richtige Lehre. Das konnte nach außen abschreckend wirken, und die Offenheit nach außen verstärkte die Gefahr, dass fremde Gedanken eindringen, Fuß fassen und die Parteiungen vermehren konnten. Paulus ging dieses Risiko ein, sicher im Vertrauen auf die Überzeugungskraft des neuen Glaubens.

Historisch gesehen hat sich das ausgezahlt. Die jungen Gemeinden wirkten in ihre Umge­bung hinein, zogen neue Mitglieder an. Anders, nur durch gezielte Mission, wäre die - für die damalige Zeit - rasche Ausbreitung des Christentums nicht zu erklären, und es gibt auch - allerdings aus etwas späterer Zeit - eine ganze Anzahl Berichte darüber.

Wichtiger noch: es ist ein Bekenntnis zu der „Freiheit der Kinder Gottes“, das hinter all die­sen Ratschlägen des Paulus steht. Die Mitglieder waren aus freier Überzeugung Christen geworden, sie sollten nicht gegängelt werden, sondern im Umgang auch mit anderen die Kraft ihres Glaubens erproben und erfahren.

Am schönsten wird das wohl deutlich in dem Satz „Ob ihr nun esst oder trinkt, oder was ihr auch tut, das tut alles zur Ehre Gottes.“

Das ist als Handlungsanweisung denkbar ungenau: „was ihr auch tut“ - es gibt keine Ge- und Verbote, nur das eine umfassende: tut alles zur Ehre Gottes. Das heißt auch: entscheidet selbst, ob das, was ihr tun wollt, im Sinne Gottes ist.

Brigitte Hoffmann in einem Saal vom November 1994

Worte der Ermutigung

In der Aprilausgabe des Templer Talk hat Theo Richter die Geschichte von dem Psychologen Michael Licenblat unter dem Titel ‚Worte der Ermutigung‘ wiedergegeben, die zeigt, wie wenig es bedarf, einen anderen Menschen nur mit Worten zu ermutigen und dadurch sein Leben zu verändern:

Zwei schwer kranke Männer lagen auf demselben Krankenhauszimmer. Der eine durfte sich jeden Nachmittag eine Stunde lang in seinem Bett aufsetzen, um den Abfluss der Flüssigkeit aus seiner Lunge zu unterstützen. Sein Bett stand am einzigen Fenster des Zimmers. Der an­dere Mann musste die ganze Zeit flach auf dem Rücken liegen.

Die Männer unterhielten sich stundenlang. Sie sprachen von ihren Frauen und Familien, ih­ren Häusern, ihren Arbeitsplätzen, ihrer Mitwirkung beim Militärdienst und wo sie im Urlaub ge­wesen waren.

Jeden Nachmittag, wenn der Mann im Bett am Fenster aufsitzen durfte, verging die Zeit, indem er seinem Mitbewohner alles beschrieb, was er draußen sehen konnte. Der Mann in dem anderen Bett begann für diese eine Stunde am Tag zu leben, in der sich seine Welt erwei­terte und durch all die Aktivitäten und Farben der Welt da draußen belebt wurde. Aus dem Fenster konnte man einen Park mit einem netten Teich sehen. Enten und Schwäne spielten auf dem Wasser, während Kinder ihre Modellboote schwimmen ließen. Junge Verliebte spa­zierten Arm in Arm inmitten von den farbigsten Blumen und in der Ferne war die Skyline der Stadt gut zu sehen. Immer wenn der Mann am Fenster alles in den herrlichsten Einzelheiten beschrieb, schloss der Mann im anderen Bett seine Augen und stellte sich die malerische Szene vor. An einem warmen Nachmittag beschrieb er eine vorbei marschierende Parade. Obwohl der andere Mann die Kapelle nicht hörte, konnte er alles vor seinem geistigen Auge sehen, weil der Mann am Fenster es so anschaulich beschrieb.

Tage und Wochen vergingen.

Eines Morgens kam die Krankenschwester, um das Wasser für ihre Bäder zu bringen, und fand den leblosen Körper des Mannes am Fenster vor, der friedlich im Schlaf gestorben war. Sie war traurig und rief Krankenhausmitarbeiter, um den Körper abholen zu lassen.

Sobald es angebracht schien, fragte der andere Mann, ob er ans Fenster wechseln dürfe. Die Krankenschwester war froh, den Wechsel durchzuführen, und nachdem sie sich vergewis­sert hatte, dass es ihm gut ging, ließ sie ihn allein.

Langsam, unter Schmerzen, stützte er sich auf einen Ellbogen, um einen ersten Blick auf die reale Welt da draußen zu erhaschen. Er strengte sich an, um sich langsam zu drehen und aus dem Fenster neben dem Bett zu schauen. Er blickte auf eine blanke Wand.

Der Mann fragte die Krankenschwester, was seinen verstorbenen Zimmernachbarn wohl dazu gebracht haben mochte, so wunderbare Dinge vor dem Fenster zu beschreiben. Die Krankenschwester antwortete, dass der Mann völlig blind gewesen war und nicht einmal die Wand hatte sehen können. Sie dachte ein wenig nach und sagte schließlich: „Vielleicht hat er dich nur ermutigen wollen.“

Diese für mich berührende Geschichte ist ein schönes Beispiel für echte Zuwendung, sogar von Menschen, die sich vorher gar nicht kannten. Der Blinde wusste natürlich, dass er nicht sehen konnte, aber offenbar fand er durch die langen Gespräche mit seinem Bettnachbarn he­raus, dass ihm Erzählungen Freude machten. So kam er auf die Idee, ihm seine ‚Fensterge­schichten‘ zu erzählen. Ob es die Freude war, etwas von außerhalb des Krankenhauses, aus der ‚normalen‘ Welt, zu erfahren oder einfach die Erzählkunst - und wie wir hinterher erfahren haben, die Phantasie des Blinden -, ist unwesentlich. Es gelang ihm, diese eine Stunde des Tages zu der zu machen, auf die sein Bettnachbar hinlebte und damit sein Leiden erleichterte und der schwierigen Situation eine Bedeutung verlieh.

Selbst die Tatsache, dass es in dieser Geschichte eine Spannung zwischen Vorstellung und Realität gibt, stört nicht. Die überraschende Tatsache, dass vor dem Fenster nur eine nackte Mauer zu sehen und die beschriebene Schönheit der Außenwelt nie vorhanden gewesen war, lässt uns darüber nachdenken, was ‚Wahrheit‘ eigentlich bedeutet. In diesem Zusammenhang zeigt sich, dass Wahrheit manchmal weniger wichtig ist, als die Bedeutung, die wir daraus ab­leiten.

Und die Geschichte zeigt noch etwas: selbst kleine Gesten können einen erheblichen Ein­fluss auf andere haben. Und ganz allgemein: sie spricht an, wie sehr wir die Verbindung zu anderen, Hoffnung und Freundlichkeit brauchen. Andere Menschen können uns aufrichten, selbst wenn sie selber um etwas ringen. Aber die richtige geistige Unterstützung kann das Leben verändern, selbst wenn man die ganze Wahrheit dahinter nicht kennt. Denken wir also daran, wenn wir unseren Mitmenschen begegnen und versuchen an jedem Tag, solche kleinen Gesten einzusetzen.

Fundstücke zum Nachdenken

... die gewöhnliche Frage: „Was sollen wir tun?“ muss mit der ungewöhnlichen Frage: „Von wo empfangen wir etwas?“ beantwortet werden. Die Menschen müssen wieder verstehen lernen, dass man nicht viel geben kann, wenn man nicht viel empfangen hat. Die Religion ist in erster Linie eine geöffnete Hand, eine Gabe entgegenzunehmen, und erst in zweiter Linie eine tätige Hand, Gaben auszuteilen. Nur wer von dem tiefsten Bezirk des Religiösen herkommt und etwas Ewiges in sich trägt, kann der religiösen Aufgabe dienen, das Zeitliche zu verwandeln.

...

Wir sind aber nicht dazu berufen, die religiöse Sondersphäre zu betreten, um ausschließlich um in ihr zu bleiben. Die vertikale Linie muss dynamisch werden und sich in der Horizontalen verwirklichen. Die Haltung des „trotzdem“ muss die treibende Kraft sein zu allem Handeln im „wofür“.

Paul Tillich

Ein Besuch in Jaffa und Sarona im Kriegsjahr 1916

Sven Hedin (1865 Stockholm - 1952 Stockholm) war schwedischer Staatsbürger und wurde bekannt als Geograph, Topograph, Entdeckungsreisender, Fotograf, Reiseschriftsteller und Illustrator eigener Werke. Zwischen 1894 und 1908 hatte er schon drei Expeditionen nach Zentralasien durchgeführt und damit nicht nur die Grundlage für eine genaue Karte dieses Gebiets gelegt, sondern war auch wichtige Informationsquelle für asiatische und europäische Großmächte geworden.

Sven Hedin (Quelle: Wikimedia Commons)
Quelle: Wikimedia Commons

Sven Hedin verehrte die Monarchie und insbe­sondere den deutschen Kaiser. 1916 konnte er dank türkischer Unterstützung ungehindert das Os­manische Reich bereisen, das damals mit Deutsch­land verbündet war. Über seine Reisen veröffent­lichte er mehrere Bücher, 1918 auch eines über Je­rusalem. Explizit bedankt er sich darin für die Hilfe der türkischen Regierung und die Gastfreundschaft, die er im Lande erfuhr. Er widmet es außerdem Dschemal Pascha, dem türkischen Marineminister und Oberbefehlshaber der IV. Armee, den er auch persönlich trifft.

Vielfältig und überwiegend sachlich schreibt Sven Hedin über Land und Leute, nennt Fakten, zieht Vergleiche zu biblischen Ereignissen, zitiert Namen und schreibt über die Veränderungen seit Kriegsbeginn. Wir erfahren u.a., dass trotz des Krie­ges immer noch 20 000 Pilger jährlich das Heilige Land bereisen. Kriegsereignisse spart er nicht aus, etwa einen Bericht über einen (nicht selbst erlebten, B.A.) englischen Granatenan­griff auf Haifa, bei dem Mitte Mai 1915 das deutsche Konsulat dem Erdboden gleichgemacht wurde. Der amtierende Konsul Lloytved-Hardegg wird als wichtiger Unterstützer des deut­schen Einflusses in der Türkei gegenüber den Ententemächten erwähnt.

Widmung Sven Hedin (Foto: Privat)
Foto: Privat

Eindeutig steht Sven Hedin auf Seiten der Os­manen und des deutschen Reichs, eine Haltung, die nach 1933 zu einer kritisch zu beurteilenden An­näherung an das NS-Regime führte. Hier bewegt er sich jedoch noch im 1. Weltkrieg, der eine Zäsur auch in seinem Leben darstellte.

Während seines Aufenthalts in Jerusalem steht Hedin in engem Kontakt mit der schwedisch-ameri­kanischen Kolonie in Jerusalem, wo er mehrfach Landsleute trifft, die Dalekarlier (Einwanderer aus der Provinz Dalarna in Mittelschweden, B.A.). Grü­ße ihrer Gönnerin Selma Lagerlöf - immerhin Litera­turnobelpreisträgerin - nehmen sie zwar erfreut ent­gegen, Bücher lesen sie jedoch zu seiner Verwun­derung nicht. Hedin beklagt ihr mangelndes Interes­se an Politik und Kultur, schildert aber auch ausführ­lich die Schwierigkeiten, die ihnen durch die Kriegswirtschaft entstehen. Positiv erwähnt er ihre Fürsorge für Arme.

Im August 1916 reist Hedin nach Jaffa. Als er dort ankommt, befindet sich die Stadt im Alarmzustand. Zwei französische Torpedoboote wurden gesichtet, und man erwartet eine Truppenlandung. Die Stadt zeigt sich gerüstet:

„Man hatte auch diesmal alle nötigen Maßnahmen getroffen. Der deutsche Konsul, Herr Schwabinger, hatte seine Papiere und Wertsachen in bombensicheren Gewölben unterge­bracht, und seinem Beispiel waren viele andere gefolgt. Die türkischen Kasernen waren schon geräumt und Truppen und Vorräte an sicherere Plätze verlegt. Einige Fabriken aber ließ man in Betrieb, da zu ihrer Räumung noch Zeit war, wenn erst die Rauchsäulen der Kriegsschiffe am Horizont aufstiegen. Die Bevölkerung schien den kommenden Ereignissen mit Ruhe ent­gegenzusehen. Denen, die vor oder hinter den bedrohten Gebäuden wohnten, war am unbe­haglichsten zumute; sie hatten alle Aussicht, mit Granaten zugedeckt zu werden. Mein Hotel galt als völlig sicher, weil sich das Konsulat der Vereinigten Staaten darin befand“. (S. 256/257)

Wandmalerei im Keller des Jerusalem-Hotels (Foto: Privat)
Foto: Privat

Der erwartete Angriff blieb an jenem Tage aller­dings aus, und Hedin verbrachte den Abend in an­genehmer Gesellschaft:

„In der Dämmerung besuchte ich den deutschen Klub, wo der Konsul und etwa 20 Herren versam­melt waren, mit denen ich ein paar Stunden in an­geregtestem Gespräch verplauderte. Den Abend beschloß ich im Speisesaal des Hotels in liebens­wür[diger Gesellschaft des Wirtes, Herrn Hardegg, und seiner Frau; letztere stammte von väterlicher und mütterlicher Seite von den bekannten Männern Hoffmann und Hardegg, die mit zu den Begründern des 1860 in Württemberg gestifteten Tempelvereins gehörten.“ (S. 258)

Erst am 25. Februar 1917 berichteten die Zeitungen, ein französischer Kreuzer (Jeanne d‘Arc) habe Jaffa beschossen, wovon u.a. die Wagnersche Fabrik betroffen war.

Am Tag darauf macht er sich auf nach Sarona und schreibt sehr wohlwollend:

„Am folgenden Tag besuchte ich die einen Kilometer nordöstlich von Jaffa gelegene deut­sche Tempelkolonie Sarona, die unmittelbar nach dem Kriege 1870/71 gegründet wurde und sich jetzt im Zustand vielversprechender Blüte befand. Bürgermeister Lippmann und Wein­gärtner Weeber, zwei in langjähriger Arbeit erprobte, selbstsichere Männer süddeutscher Herkunft, führten mich umher. Was sie und ihre Kameraden vom Tempelverein nach Haifa, Jaffa, Jerusalem, Sarona, Wilhelma und anderen Kolonistenorten geführt hat, ist der Gedanke, den Prophezeiungen des Alten Testamentes gemäß zu leben und in Palästina ideale christ­liche Gemeinden zu gründen, von denen, wenn die Zeit erfüllet ist, eine neue religiöse und soziale Befruchtung auf Europa ausstrahlen soll. Das Land, das die Kolonisten bei ihrer Ansiedelung gekauft und urbar gemacht haben, gewährt ihnen jetzt ihren Unterhalt. Sie bauen hauptsächlich Wein, Apfelsinen und Gemüse. Milch und Honig wird gleichfalls gewonnen wie in alten Zeiten. An erster Stelle aber steht der Wein, dessen Ernte sich durchschnittlich auf 700 000 Liter beläuft und zuweilen bis zu einer Million Liter ansteigt. Man führte mich durch die gewaltigen Weinkellereien, in denen riesige Fässer übereinander aufgestapelt lagen; Behälter, die bis zu 30 000 Liter fassen, sind einfach in den Felsen eingesprengt. Ich mußte natürlich die verschiedenen Sorten und Jahrgänge kosten, ein etwas gefährliches Unternehmen. Doch be­stand ich die Probe, wie es sich für einen echten Nordländer gehört.

Durch den Krieg haben die Kolonisten ihr Hauptabsatzgebiet Ägypten verloren. Sie mußten daher ihre Produktion den Anforderungen der Zeit anpassen, was ihrer Geschicklichkeit un­schwer gelang. Der Besuch der Heuschrecken im vorigen Jahr war auch für sie ein viel größe­res Unglück als der Krieg.

Von besonderem Reiz war ein Spaziergang durch die Dorfstraßen und prächtigen Alleen von Eukalyptus-, Pfeffer- und Maulbeerbäumen. Überall herrschte Reinlichkeit, Ordnung und Behaglichkeit. Früher hat man die Häuser aus Holz gebaut, jetzt zieht man Steinmaterial vor, das dem Klima besser standhält. Die Zahl der Einwohner von Sarona beträgt 211 Köpfe und ist in den letzten Jahren ziemlich die gleiche geblieben. In den ersten Jahren der Ansiedelung tötete das Klima alle neugeborenen Kinder. Erst als die Kolonisten Eukalyptusbäume anpflanz­ten, das sumpfige Gelände entwässerten und damit die Moskitos und Mücken abnahmen, besserte sich der Gesundheitszustand beständig, und seit 1876 durfte man darauf rechnen, Neugeborene am Leben zu erhalten. Von den ersten Einwanderern waren bei meinem Besuch noch vier am Leben. Zwanzig Mitbürger aus Sarona waren im Kriege, vier von ihnen gefallen. Von ihren sechsundfünfzig Pferden hatte die Kolonie dreißig an die Heeresverwaltung abgetre­ten.

Ich beschloß meinen Besuch mit einer Besichtigung des Gemeindehauses und des an­spruchslosen Betsaals, über dessen Tür die Worte stehen: Im Reich dieses Königs hat man das Recht lieb. Mit ehrfürchtiger Bewunderung betrachtete ich diese abgehärteten, stillen Män­ner, ihre ernsten, frommen Frauen und ihre sauberen, aufgeweckten Kinder. Die Mitglieder der Gemeinde leben in spartanischer Einfachheit und musterhafter Eintracht. Sie kennen keinen Klassenhaß und kein Ringen um Macht. Jeder arbeitet, solange der Tag währt, zum Wohl des Ganzen.“ (S.259 - 261)

Sven Hedin reist weiter und berichtet über seinen Besuch in der nahe gelegenen jüdischen Kolonie Rishon LeZion sowie über die jüdische Ackerbauschule Mikwe-Israel; ausführlich er­läutert er die zionistische Bewegung. Dass Deutschland nicht als Sieger aus diesem Krieg hervorgehen könnte, lag allerdings jenseits seines Denkens. Mit ergänzenden Spekulationen über die Zukunft Palästinas als jüdischem Ackerbaustaat für maximal 2 Millionen Juden sowie der Annahme, dass Deutsch zukünftige Landessprache sein werde, lag er weit neben der am Horizont aufziehenden Realität.

Sven Hedin, Jerusalem, Verlag Brockhaus/Leipzig 1918

Birgit Arnold

 

Bereits in der „Warte“ vom Mai 2004 hatte unsere damalige Archivleiterin, Brigitte Kneher, über diesen Besuch Sven Hedins nach seinem o.g. Buch berichtet - aber darüber hinaus noch eine weitere Episode hinzugefügt:

Über Sven Hedins Jersualemsbesuch bewahren wir in unserem Archiv eine nette Schilderung auf, die von Wilhelm Otto Wieland stammt. In Jerusalem wurde der berühmte Gast vom deut­schen Generalkonsul betreut. Zum Festabend zu Ehren von Sven Hedin waren auch die Eltern Wilhelm Ottos eingeladen worden.

Die Herren kamen ins Gespräch. »Beim Abschied lud mein Vater (Hugo Wieland) ihn ein, wenn möglich zum Sonntagmittagessen zu uns zu kommen. Mutter würde ihm dann echtes, schwäbisches Essen vorsetzen: Spätzle, Sauerkraut und Schweinefleisch! Sven Hedin sagte gerne zu und kam dann auch gegen 11 Uhr an. Er läutete am eisernen Gartentor und Raschid, der arabische Türwächter, frug ihn auf Schwäbisch: "Was willscht du?" Sven Hedin musste sich erst erholen vom Erstaunen, von einem waschechten Araber in gutem Schwäbisch ange­sprochen zu werden, und antwortete auf Deutsch, dass er Herrn Wieland besuchen möchte.

Mit den Worten "Dann muschte warte, ich werd d‘Chawadsche frage" schloß er die Türe wieder und eilte zu meinem Vater: "Da onde steht a Mann und hat mir des geba (eine Visiten­karte), er will rei". Mein Vater las den Namen und jagte Raschid mit den Worten hinunter: "Bischt du denn ganz verrückt, willscht du mache, dass der Herr sofort raufkommt!"

Raschid öffnete die Tür und meinte seelenruhig: "Der Chawadsche hat gsagt, du sollsch raufkomme". Sven Hedin nahm es mit Humor und meinte zum aufgebrachten Gastgeber nur, "das Warten habe sich unter diesen seltsamen Umständen gelohnt, und so etwas in einem fremden Lande sei ihm auf seinen vielen Reisen noch nicht vorgekommen."

Brigitte Kneher

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